FELDENKRAIS im LEISTUNGSSPORT (Teil 1)

„Gibt es im System Leistungssport Raum für Feldenkrais?“

Es sind nun 20 Jahre, die ich in meinem Hauptberuf als Sportpsychologe mit Athletinnen und Athleten arbeite, die sich dem Hochleistungssport verschrieben haben. Zuerst war ich dabei in Innsbruck beheimatet, dann mehrere Jahre in Wien, am Zentrum für Universitätssport auf der Schmelz, und die vergangenen zehn Jahre im Österreichischen Leistungssportzentrum in der Südstadt.

Als ich mit Antritt dieser Stelle 2007 an den Stadtrand von Wien übersiedelte, wurden aus meinen regelmäßigen Läufen im Flachen nun umgebungsbedingt vermehrt Cross- und Hügelläufe. Das bewirkte zunehmende Probleme und Schmerzen in meiner linken Hüfte, sodass ich innerhalb eines halben Jahres mehrere im Leistungssport erfahrene Physiotherapeuten, Osteopathen, Chiropraktiker und Masseure konsultierte (!), was leider zu keinen oder nur sehr kurzfristigen Besserungen meiner Symptomatik führte (nach 1-2mal Laufen traten die Schmerzen immer wieder auf). Als mir dann ein prominenter Spezialist in Traunreuth/Bayern erklärte, ich hätte einen Knorpelschaden im rechten (!) Hüftgelenk und würde in wenigen Jahren im Rollstuhl sitzen, wenn ich nicht mit dem Laufen aufhörte, suchte ich – um sicher zu gehen – einen Sportorthopäden in Wien auf, der nach dem Röntgen die Diagnose „Impingementsyndrom in der Hüfte“ stellte und mich zu – einem Physiotherapeuten schickte… 

Gleichzeitig arbeitete ich damals als Sportpsychologe unter anderem mit einem österreichischen Beachvolleyballprofi. Dieser konnte aufgrund von Knorpelschäden in beiden Knien nur mehr mit begleitender Einnahme von Schmerzmitteln spielen, bis er über einen Sportlerkollegen den Tipp bekam, eine Feldenkraislehrerin in Wien namens Pamela Cordell aufzusuchen. Ihr gelang es nicht nur, seine Schmerzen deutlich zu reduzieren, sondern ihm auch zu vermitteln, wie er sich in seiner Sportart so bewegen ( = abspringen und landen) konnte, dass seine Knie das besser verkrafteten. Er spielte in der Folge noch zwei weitere Jahre professionelles Beachvolleyball (ohne Schmerzmittel) auf höchstem internationalen Niveau. Von ihm bekam ich im Jänner 2008 die Empfehlung, diese Feldenkraislehrerin doch ebenfalls um Rat zu fragen. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon etwas entmutigt, da es scheinbar niemanden gab, der mir helfen konnte. Dennoch ließ ich mich darauf ein – und ich habe es nicht bereut. Nach der ersten (!) Behandlung war ich fast eine ganze Woche schmerzfrei – auch beim Laufen. Nach vier Sitzungen in wöchentlichem Abstand (Stunden in Funktionaler Integration, wie ich später lernte) ging es mir so gut, dass ich mich im Februar für den Berlin Marathon im Herbst anmeldete, etwas, das ich für mich schon abgeschrieben hatte. Nach zwei weiteren FI Stunden war ich so begeistert von der Feldenkraismethode, dass ich beschloss, selbst die Ausbildung zum Feldenkraislehrer zu absolvieren, und ein halbes Jahr später lief ich völlig schmerzfrei den Marathon in Berlin (und das war nicht mein letzter seither).

Während ich dann in Berlin und München von 2008 – 2012 mein Feldenkraistraining besuchte, wurde mir immer deutlicher bewusst, welches Potential in dieser Methode steckt. Gleichzeitig jedoch musste ich im Rahmen meiner Arbeit als Sportpsychologe erfahren und erkennen, dass die Art des Denkens, die Moshé Feldenkrais im Hinblick auf Bewegung und Lernen vertreten hat, nur sehr wenig gemeinsam damit hat, wie im heutigen Leistungssport darüber gedacht wird.

Damit meine ich Folgendes:

Das „schneller, weiter, höher, besser“ – Credo, das nicht zuletzt von den omnipräsenten Sportmedien immer wieder in den Vordergrund gestellt wird, übt permanenten Stress und Druck auf Athleten, Trainerinnen, Eltern und Funktionäre aus.

Motion Capture

Eigenwahrnehmung

Da bleibt wenig bis keine Zeit für einen Blick nach innen, für ein „Sich-Spüren“, für ein wiederholtes Experimentieren mit unterschiedlichen Möglichkeiten der eigenen Bewegungen. Der Blick ist auf das vermeintlich allgemein gültige „Bewegungsideal“ ausgerichtet, biomechanisch erforschte Idealabläufe werden zu kopieren versucht. Es geht um „motorische Kontrolle“, die mittels Techniken wie „Motion Capture“ genau diagnostiziert wird, motorisches Lernen soll durch Computersimulation, etc. unterstützt werden, alles, um dem „schneller, weiter, höher“ zu dienen.

Sich selbst spüren

Biomechanische Analyse

Genügt das nicht, werden zusätzliche Helferleins zur Bewegungsoptimierung eingesetzt, von speziellen Schuheinlagen über Spezialschuhe zu Stützen oder Tapes in bunten Farben, alles ist auf Steuerung und Unterstützung von außen aufgebaut.

Die Fragen, die sich mir dabei im Verlauf meiner Ausbildung stellten, war:

„Gibt es im System Leistungssport Raum für Feldenkrais? Und wenn ja, in welcher Rolle könnte ein Feldenkraispractitioner im Leistungssport Platz finden?“

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