FELDENKRAIS im LEISTUNGSSPORT (Teil 2)

Gibt es im System Leistungssport Raum für Feldenkrais? Und wenn ja, in welcher Rolle könnte ein Feldenkraispractitioner im Leistungssport Platz finden?

Als Ergänzung im medizinischen Team? – Im Falle von Verletzungen greift ein leistungssportimmanentes System: bei geringeren Schmerzen wird zuerst die Masseurin konsultiert, bzw. der Physiotherpeut. Ist der Fall akut und die Schmerzen verhindern eine weitere Sportausübung, führt der Weg zum Arzt. Der agiert mit diagnostischen (MRT, Röntgen) oder behandelnden (Infiltration, Schmerzmittel, OP) Maßnahmen und überweist die Athletin dann wieder zum Physiotherapeuten. Auch wenn das stark vereinfacht dargestellt ist, umschreibt es zumindest das in Österreich gängige System im Leistungssport. Dabei sind die Berufsgruppen Masseure, Physiotherapeuten und Ärzte häufig sehr gut vernetzt, arbeiten sogar innerhalb gemeinsamer Praxisbetriebe zusammen. Ein wenig „den Fuß in die Türe bekommen“ im Sport hat in den letzten zehn Jahren die Gruppe der Osteopathen. Andere alternative Behandlungsmethoden werden kaum wahrgenommen, die medizinische Betreuung ist sozusagen in festen Händen. Das bedeutet: man könnte hier schnell Gefahr laufen, als Konkurrenz wahrgenommen zu werden. Und außerdem: Wir Feldenkraislehrer sehen uns doch nicht als Heiler, dürfen ohne entsprechende Zusatzausbildung ja gar nicht „behandeln“.

Also eher als Ergänzung im Trainerteam? – Trainingstechnisch werden Spitzensportler von einem Trainerteam betreut, dem Spezialtrainer der jeweiligen Sportart und eventuell noch einem Konditionstrainer und/oder ein Sportwissenschafter. Hm. Dort müsste man allerdings das gängige Mindset zum Thema Lernen in Frage stellen. Der Athlet soll lernen, sich zu spüren? Qualität vor Quantität? Das würde gängige Trainingspläne deutlich beeinflussen, um nicht zu sagen: durcheinanderbringen … damit wären Widerstände und Konflikte vorprogrammiert.

So lautete mein Fazit 2012, nach Abschluss des Feldenkraistrainings, vorerst mal Zurückhaltung zu üben, zu beobachten und Kontakt zu Practitionern im deutschsprachigen Raum zu suchen, die bereits im Leistungssport tätig geworden sind.

Dabei stieß ich auf zwei Personen: Kurt Kothbauer und Martin Busch.

Über Kurt Kothbauer, einen Salzburger Sportwissenschafter, las ich in einem Interview, das Verena Krausnecker mit ihm geführt hatte und das über diesen Link nachlesbar ist (http://www.feldenkraisinstitut.at/_downloads/Krausneker-Kothbauer2010.pdf). Darin wird deutlich, dass Feldenkrais aus der Perspektive einiger kanadischer Schirennläufer als positive und interessante Erfahrung wahrgenommen wird, aus der Sicht der Verbandsfunktionäre jedoch als potentieller Störfaktor. Ich habe damals versucht, persönlichen Kontakt zu Kurt herzustellen, als er aus Kanada weggegangen ist, es ist mir allerdings nicht gelungen, da er danach wieder beim ÖSV Damenteam arbeitete und ständig mit den Athletinnen unterwegs war.

Auf Martin Busch, Sportwissenschafter und Psychologe in Baden Württemberg, bin ich über eine Sendung im SWR gestoßen, die darüber berichtet, wie er als Feldenkraislehrer mit jugendlichen Fußballern arbeitet und eine Sendung in RTL, wo er mit jungen Gewichthebern arbeitet. Die Videos kann man auf seiner Homepage (http://www.se-bbb.eu/martin-busch/tv) immer noch ansehen. Ich habe mit ihm telefoniert und geschrieben. Der jetzige Schwerpunkt in seiner Arbeit liegt allerdings nicht mehr im Leistungssport, sondern auf einem von ihm entwickelten Konzept, das er als „SELBSTentwicklung  – zwischen konkreter Bewegungserfahrung und mentaler (Neu-)Orientierung“ bezeichnet, und das auf das Erreichen eines physischen und psychischen Gleichgewichts abzielt.

Mein nächster Schritt bestand darin, der Gruppe „Feldenkrais im Sport“ des Deutschen Feldenkraisverbands beizutreten. Ich verbrachte 2013 einen interessanten Tag mit den damals ca. 10 Gruppenmitgliedern in Aschaffenburg, an dem es um Brainstorming und Entwicklungsideen ging. Nachdem bald feststand, dass es vorrangiges Ziel dieser Gruppe war, Menschen den Nutzen von Feldenkrais in Bezug auf (freizeit-)sportliche Betätigungen näherzubringen, blieb ich mit den Administratoren der Gruppe zwar in Kontakt und im Austausch, beteiligte mich jedoch nicht mehr an den engagierten Aktivitäten und Workshops in den Jahren danach, da mein Interesse sich weniger auf den Freizeitsport, sondern auf den Leistungssport richtet.

Seit 2013 unterrichte ich im ortsansässigen Turnverein einmal pro Woche Feldenkrais. Die durchschnittliche Teilnehmerzahl liegt bei 25, das Alter der Teilnehmerinnen reicht von Anfang 40 bis Anfang 80. Als ich im Jänner 2014 mehrere ATMs, die sich mit dem Thema „Bewegungen im Hüftgelenk“ befassen, als Serie unterrichtete, kam mir die Idee, Ausschnitte dieser ATMs im Rahmen eines monatlich stattfindenden Trainerforums für alle Trainer am Österreichischen Leistungssportzentrum interaktiv vorzustellen. Diese Möglichkeit zur Selbsterfahrung der Feldenkraismethode für die Trainer hatte zur Folge, dass ich gleich im Anschluss daran gefragt wurde, ob ich das nicht auch für Sportlergruppen anbieten könnte, da gerade die Hüftgelenksbeweglichkeit bei vielen eingeschränkt sei.

Daraufhin stellte ich zwei Stunden aus mehreren ATMs zusammen, um den Athletinnen in komprimierter Form ein Bewusstsein für ihre Hüftgelenke zu vermitteln. Sie sollten lernen, eventuelle Einschränkungen wahrzunehmen und wie sie sich selbst um eine Verbesserung kümmern konnten. Das kam gut an, weitere Anfragen folgten, und schließlich nahm ich mit einigen Sportlern ein „Demo-Video“ zu diesen Lektionen auf, damit sie jederzeit Zugang dazu hatten und ihr Gedächtnis zu den Bewegungslektionen auffrischen konnten.

Was anfänglich nur sporadisch stattfand und – um den Nutzen für Sportler und Trainerinnen offensichtlicher zu machen – auch themenzentriert und zielorientiert (Hüftgelenke, Sprunggelenke, Knie, Schultern, Wirbelsäule, etc.) angeboten wurde, erlebte mit Anfang 2015 eine Implementierung in den regulären Trainingsbetrieb, vorwiegend in den Sportarten Fußball und Handball, wo ich seither mit den jeweiligen Mannschaften eine ATM-Stunde wöchentlich abhalte.

Die dahinterstehende Idee bzw. die formulierten Ziele für die Athleten sind folgende:

Spezifische Bewegungsabläufe in der Ausübung der jeweiligen Sportart sollen bewusst gemacht werden. Das Zusammenspiel von verschiedenen Körperregionen, wie von Becken, Wirbelsäule, Armen und Schultern oder – speziell im Fußball – von Füßen, Sprunggelenken, Kniegelenken, Hüften und Becken soll dadurch nachhaltig verbessert werden. Die Wahrnehmung der Körperachsen spielt eine wichtige Rolle. Die Muskulatur soll weich und flexibel gemacht werden können, das Zusammenspiel von Agonist und Antagonist verbessert werden. Einseitigkeiten sollen erkannt und Möglichkeiten, diesen entgegenzuwirken, erlernt werden. Die Bewegungsfreiheit in den Gelenken – die Range of Motion – soll optimiert werden, um in Extremsituationen im Sport gegen Verletzungen besser gerüstet zu sein. Selbstverständlich ist diese erhöhte Bewusstheit der Bewegung für die Sportler auch im Alltag sinnvoll und dienlich, nicht zuletzt beim stundenlangen Sitzen in der Schule.

Feldenkrais am Österreichischen Leistungssportzentrum hat somit die vorrangigen Ziele Verletzungsprophylaxe und Verbesserung der eigenen Körperwahrnehmung, z.B. bei der Unterscheidung von Belastungs- und Warnschmerz. Das schafft weder eine Konkurrenzsituation mit dem Trainerteam, noch mit dem medizinischen Betreuungsteam. Somit hatte sich ein Raum, bzw. eine Nische für die Feldenkraismethode eröffnet.

Die Verletzungshierachie im Fußball betrifft vorrangig Verletzungen im Knie, Sprunggelenk oder auch im Beckenbereich. Viele dieser Verletzungen sind auf ein Ungleichgewicht zwischen den Muskeln und auf erhöhte Spannungsmuster, die man in der Umgangssprache als „Verkürzungen“ bezeichnet, zurückzuführen. Durch diese feste Muskulatur können sich Gelenke nicht mehr frei bewegen und sind extremen Kräften ausgesetzt. Im Fußball z.B. besteht die große Gefahr, dass man aus der eigenen Körperachse kippt. Aufgrund von schnellen Drehbewegungen und permanenten Stop and Go Abläufen wirken hohe Kräfte auf Gelenke und Muskulatur. Ist die richtige Balance der jeweils beteiligten Gelenke, Sehnen und Muskeln gegeben, vermindert sich das Verletzungsrisiko um ein Vielfaches, zumindest, was Verletzungen ohne Fremdeinwirkung betrifft.

Die erfreulichen Auswirkungen sind im Bereich der Fußball Akademie von Admira Wacker, mit deren drei Mannschaften (U15, U16, U18) das „Feldenkrais-Training“ (so die Bezeichnung) wöchentlich stattfindet, dokumentiert und zeugen von einem signifikanten Rückgang von Strukturverletzungen (Muskeln, Bänder, Sehnen, Knochen) ohne Fremdeinwirkung. Der Leiter der Akademie verfasst zur Zeit seine Diplomarbeit im Rahmen der höchsten Stufe der Österreichischen Fußballtrainerausbildung (UEFA Pro-Lizenz) zum Thema „Verletzungsprophylaxe im Fußball auf Basis der Feldenkraismethode“.

Weiters entwickelte ich gemeinsam mit einem Sportwissenschafts-Kollegen auf Wunsch der Trainer zusätzlich ein Beweglichkeitsscreening für die Sportlerinnen, das seit Herbst 2016 auch im Rahmen der Neuaufnahmeuntersuchung mit allen Athleten (ca. 80 pro Jahr) durchgeführt wird. Den Sportlern, die dabei Defizite in ihrer Beweglichkeit aufweisen, werden Videos mit den entsprechenden „progressive Exercises“ zur Verfügung gestellt. Viele dieser Verbesserungsübungen entstammen Bewegungsideen aus der Feldenkraismethode.

Mittlerweile unterrichte ich fünf Stunden wöchentlich Gruppen jugendlicher Leistungssportler zwischen 14 und 19 Jahren. Unterrichtsort ist das Judo-Dojo des Österreichischen Leistungssportzentrums Südstadt, durch die Judomatten ein idealer „Boden“ zum Bewegen. Zu Beginn waren es „adaptierte“ ATMs, erstens, um die Jugendlichen zu erreichen und dort abzuholen, wo sie sich aufgrund ihrer sportlichen Lernerfahrungen befanden, zweitens, um sie nicht zu überfordern.

Ein Beispiel dafür ist eine „Hamstrings-Stunde“, zusammengesetzt aus AY #116 (Die Beine auseinander nehmen und den Rücken aufrichten), AY #506 (Hip Joints Backward), Esalen #11 (Hamstrings) und Teilen aus Amherst, Vol.2, DVD 18 (Lengthening the Hamstrings). Nach dieser Stunde konnten alle Teilnehmerinnen aus dem Stand mit gestreckten Beinen mit ihren Händen locker den Boden berühren, und das ganz ohne Stretching und Dehnen, was am Beginn der Stunde für viele unmöglich war. So etwas wirkt schon überzeugend.

Mit der Zeit war es möglich, sich den originären Stunden immer mehr anzunähern, anfangs oft mit sehr lustbetonten Stunden, wie „Judoroll“ oder „Bridging“, später auch mit einer Serie wie AY #190 -197 (Fersen unter das Becken).

Das Repertoire ist ja erfreulicherweise schier unerschöpflich und ich ermuntere die Athleten darin, gerade den Bereichen, in denen sie sich schwer tun, mehr Aufmerksamkeit zu schenken (auch außerhalb unserer Stunden), ohne in den ihnen bekannten Kreislauf von Ehrgeiz und Frustration zu geraten, wenn nicht alles gleich so gelingt, wie sie es gerne hätten. Das Spielen und Experimentieren mit Bewegungen, ohne ein vorgegebenes Ziel erreichen zu müssen und dafür auch ge(be)wertet und untereinander verglichen zu werden, ist für sie immer noch ungewohntes Neuland.

Schlagwörter wie „Mobility-Training“, „Neuroathletic Training“, „Natural Movement“, „Animal Flow“, etc. sind derzeit im Leistungssport sehr aktuell. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass bei vielen scheinbar ganz neuen Methoden Gedanken und Konzepte verwendet werden, die sich eins zu eins mit denen der Feldenkraismethode decken, ihr sogar direkt entlehnt scheinen. Vielleicht ist der Begriff „Feldenkrais“ einfach zu wenig hip, um damit Leute anzulocken. Umso mehr freut es mich, dass die Stunden im Österreichischen Leistungssportzentrum unter dem Titel „Feldenkrais“ stattfinden können. Es inspiriert mich sehr, dass ich Feldenkrais in diesem Umfeld unterrichten darf und bin gespannt, wie diese Reise weitergeht.

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